Morgen fangen wir wieder an

“Chronischer psychiatrischer Patient” will nicht viele Menschen sein. Diejenigen, die nichts dagegen haben, sind oft nur wirklich krank. Der chronische psychiatrische Patient verkörpert alles, was meine Patienten nicht werden wollten. Mit dem, womit sie sich manchmal identifizieren, wobei sie vergessen, was sie sonst noch sind: Eltern, Ehemann und Künstler.

Die Arbeit mit chronischen psychiatrischen Patienten ist eine Suche nach kleinen Erfolgen. Den Patienten geht es nicht schnell besser. Rasche Fortschritte sind selten. Es ist der Weg der Langstrecke. Die Art und Weise, wie man anfängt, wieder anfängt und etwas anderes versucht. Immer wieder neu anfangen, aber vor allem neben jemandem stehen und für jemanden da sein.

Wenn ich den Fall übernehme, schaue ich mir die Akte eines mir neuen Patienten an. Das gesamte DSM ist über seine gesamte Akte verstreut. Es ist einfacher, die Diagnosen, die er nicht hat, wegzuziehen. Ich will mir kein Bild auf der Grundlage der Dossierstudie machen, aber erst wenn ich ihn sehe, weiß ich, dass ich mir dieses Bild doch gemacht habe. Was sich auf dem Papier wie ein stark eingeschränkter, scheinbar unbehandelbarer Patient anhörte, entpuppt sich als ein Mann, der wunderbar Geige spielen kann. Ein Patient, der von all dem ist, was ich nicht aus der Akte gemacht habe.

Mir gegenüber sitzt ein Patient meines Alters. Ich arbeite seit zwei Jahren in der Psychiatrie. Er ist seit langer Zeit in der psychiatrischen Versorgung tätig. Er hat eine bipolare Störung und konsumiert Kokain. Manchmal bin ich unsicher, wie ich es als Arzt mache, und ich will keine Fehler machen. Er ist über alles verunsichert und hat das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben. Ich schlage ein neues Medikament vor. Er hat schon so viele neue Medikamente bekommen. Er glaubt nicht, dass es diesmal wirklich besser werden kann. Er sieht sich selbst als psychiatrischen Patienten. Ich sehe einen Gleichaltrigen, der jetzt psychiatrische Probleme hat, aber so viele Möglichkeiten hat. Ich bin zuversichtlich, dass er wieder gesund wird. Das wird er nicht. Meine Worte ‘es wird besser werden’, klingen hohl und landen irgendwo auf dem Tisch zwischen ihm und mir. Währenddessen kullern ihm die Tränen über die Wangen. Ich möchte ihm die Lichter zeigen, die ich vor ihm sehe, aber er sieht sie nicht. Ich möchte, dass er sieht, dass der Unterschied zwischen ihm und mir nicht so groß ist. Aber die Entfernung fühlt sich riesig an. Ich spüre seine Ohnmacht.