FRAGEN ZUM PROJEKT


Jeder Dialog fängt gewöhnlich mit einer Frage an. Die Fragen, die das Projekt von Werner Ratering aufwirft, sind vielfältig und es ist unmöglich, sie vor der Realisation des Projekts zu beantworten (dann wäre das Projekt überflüssig). Weitere Fragen, Diskurs(fragmente), Überlegungen und Reaktionen sind durchaus erwünscht und werden beizeiten beantwortet. Dies sind nach zahlreichen anregenden Stunden des Dialogs meine Fragen an den Künstler:
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Vorstellungen suspendieren, Themen polarisieren, Dinge im Schwebezustand halten, sie verlangsamen und aufmerksam vergleichen, selbst präsent sein, Verletzungen ernst nehmen, gegenseitige Anteilnahme, Verantwortung übernehmen, kreative Brüche (“Quantensprünge”) zulassen, “austauschen” von Standorten, Wahlmöglichkeiten vergrößern, das sind nach Deiner Vorstellung Voraussetzungen des Dialogs. Welche Funktion kann die Kunst übernehmen? Welche symbolische Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die Umschmelzung?
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An der Metaphorik des Pilzes (als größtem und ältestem Organismus der Erde) interessiert Dich besonders die geradezu geisterhafte Fernwirkung, die die Berührung (aber auch die Verletzung) haben kann. Gleichzeitig enthält jeder kleinste Teil wie ein Hologramm die gesamte Information in sich, um auch wieder zu regenerieren. Das Lebendigsein bedeutet in diesem Verständnis “Entfaltung der eingefalteten Ordnung”. Ist die Rückkehr zu den Grundformen für Dich in diesem Sinn zu verstehen?
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Wissenschaftler entdeckten in den USA einen Halimasch von über 20.000m². Als Mykorrhiza (Wurzelpilz) ist er zuständig für die Nahrungsaufnahme der Planzen, er vergrößert die “Kontaktzone” zwischen Pflanze und Boden und regelt die Aufnahme schwerlöslicher Stoffe, z.B. der Phosphate. Der bekannte Fruchtkörper ist dabei nur der sichtbare Teil. Kann die Kunst übertragen auf den “sozialen Organismus” eine ähnliche Funktion übernehmen?
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Welche Bedeutung hat für Dich heute das Material Bronze, das einer frühen Menschheitsepoche seinen Namen gab und im 19. Jahrhundert das Material war, aus dem das “Denkmal” gegossen wurde. Hierarchie, Zentralismus, Monopol und Macht waren in dieser Zeit die tragenden Säulen der Gesellschaft. Eine gegossene Form herzustellen bedeutet andererseits auch, dem Zufall wenig Raum zu lassen. Welche Ergebnisse erwartest Du bei dieser Überprüfung Deiner “plastischen Prämissen”?
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In gewisser Weise ist die Form des Pilzes aus verschiedenen Arbeiten “herausgewachsen”: als spannungsgeladener skulpturaler Zwischenraum unterschiedlicher “Steinpaare” oder als Spalt zwischen gemalten “Farbblöcken”. Erotische Assoziationen liegen nahe. Ist das Erotische im Dialogischen möglicherweise immer schon enthalten?
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In dem ironischen Text “WE ARE ALL CONNECTED” (Dezember 1995) stellst Du eine kritische Beziehung zwischen Pilzen und dem Kunstbetrieb her. Die Metaphorik scheint sich nun anderen Horizonten geöffnet zu haben. Das Geflecht des Pilzes ist für Dich eine Metapher für das Organische. In den Vordergrund tritt die Thematik der Vernetzung. Wie kam es zu dieser Wandlung?
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Ein anderes wichtiges Thema ist für Dich die “homöopathische Dosis”. Du hast einmal gesagt, daß Du mit dem Projekt GLOBAL PIECE prüfen möchtest, wie weit die homöopathische Wirkung in seinem jeweiligen Umfeld reicht. Könnte man auch sagen: wie weit die Kunst auf das soziale und politische Feld zu wirken in der Lage ist? Was ist es genau, was an dem “gesellschaftlichen Organismus” durch die Kunst geheilt werden könnte?
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Das “Erratische” ist in Deiner Definition eine Synomym für das “Verirrte”, das zufällig und notwendig zugleich seinen Platz gefunden hat. Nach welchen Kriterien sollen die Standorte für die Becherpilze ausgewählt werden?
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Es ist gesagt worden, dass Christo mit seinen Aktionen ein Symbol für Dialogisches Denken geschaffen hat. GLOBAL PIECE könnte in dieser Strömung gesehen werden. Wie wäre die neue Metapher für das gesellschaftliche Verhalten der Menschen des 3. Jahrtausends zu umschreiben?
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GLOBAL PIECE könnte auch als Gegenbild zum Erdkilometers von Walter de Maria gelesen werden. Hier wird nichts in die Erde eingelassen, sondern es wächst etwas, als ob es schon immer in der Erde verborgen gewesen wäre. Dies ist eine “weibliche” Geste. Gehört sie mit zum Konzept?
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Mit der “radikalen Formverwandlung” im Prozeß des Einschmelzens und der “Abgabe der Impulse” soll etwas mit der Bedeutsamkeit der Gegenstände geschehen. Innerhalb eines Gespräches gibt es auch Momente, in denen vormals Wichtiges “suspendiert” wird, um in neuen Zusammenhängen eine andere, vielschichtigere Wertigkeit zu erfahren. Die “dialogische Geste” ist also das Gegenteil von egoistischer Selbstbezogenheit; daher ist sie auch nur “der Hauch einer Geste” (Ratering). Ist dieses neue Selbstbewußtsein Dein Wunsch für die Zukunft?